Skip to content
Menu
Menu
Du bist hier: Startseite » Empfehlungen » Karl Olsberg: Das System

Karl Olsberg: Das System

Karl Olsberg: Das System

Gelesen von Hans-Werner Meyer
Regie: Matthias Spranger
Produktion: D>A<V Der Audio Verlag
5 Audio-CDs
Länge: 375 Minuten
ISBN: 978-3-89813-741-6

Meine Meinung:

Er studierte Betriebswirtschaft, promovierte über die KI, Künstliche Intelligenz und ist hauptberuflich Unternehmensberater: Karl Olsberg. Daß sich hinter diesem Namen das brilliante Gehirn steckt, welches einen der fesselndsten und ja, auch angsteinflößendsten Thriller der letzten Jahre ersann, mag man bei diesem Werdegang kaum vermuten. Doch Olsberg gelang es, den Begriff „Thriller“ nach all den Schlitzern, Maskenmördern und sonstigen Psychopathen aus Fleisch und Blut der letzten Jahre, in eine Richtung zu lenken, dem sich bislang eher Autoren und Regisseure wie Stanislaw Lem, James Cameron, den Wachowski Brüdern, William Gibson oder Philip Kerr verschrieben haben. Und diese Richtung ist für viele gewiss beängstigender als der in seiner Jugend misshandelte Psychopath mit dem Messer, der wahllos Schlachtvieh serviert…

„Das System“ konfrontiert –mit Fokus auf Hamburg-, die Menschheit mit einer ihr überlegenen Intelligenz. Pandora heißt das global vernetzte Programm, welches sich seiner selbst bewusst wird. Ohne zuviel zu spoilern: Es entbrennt ein bis zur allerletzten Minute packender Kampf ums Überleben zweier Spezies, wobei der Überlebenstrieb der künstlichen Intelligenz in seiner rein logischen Konsequenz und daraus resultierenden Gefühlskälte, dem Hörer in einem zwar fiktiven, indes nicht unrealistisch geschilderten Umfeld regelrechte Gänsehautattacken den Rücken hochjagt. Unerbittlich deckt Olsberg die Abhängigkeit der Menschen von Maschinen auf und nutzt diese für ein albtraumhaftes Szenario, das hier und heute stattfinden könnte.Zu Beginn erwähnte ich „mit Fokus auf Hamburg“. Die Haupthandlung spielt sich in der Tat in der Hansestadt ab, die Auswirkungen jedoch sind globaler Natur und eben dies wird immer wieder eingebunden und belegen die Übermacht der KI und die Ohnmacht der Menschen gegenüber selbiger.

Fast könnte man meinen, Olsberg habe eine hochaktuelle Version von Mary Shellys „Frankenstein“ geschaffen: Die Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer wendet, ihn als Gefahr ansieht, die beseitigt werden muss. Nur, daß der Schöpfer hier keinem Wesen aus Fleisch und Blut gegenüber treten muss, sondern es mit einer dezentralen, global agierenden Gefahr zu tun hat, die man nicht „mal eben ausknippst“. Das Finale entlässt den Hörer dann auch nicht mit der „Heile-Welt-Lüge“, sondern hinterlässt ein böses Gefühl – durchaus dazu angetan, über das Thema KI kritisch nachzudenken. Nicht jede Entwicklung ist ein Segen und man sollte sich zweimal überlegen, ob mensch in seiner Überheblichkeit tatsächlich Schöpfer spielen möchte.

Die Lesung wird von Ohrkanus-Preisträger Hans-Werner Meyer vorgetragen (u.a. auch ausgezeichnet mit dem Bayerischen Fernsehpreis für seine Hauptrolle in „Die Cleveren“, sowie zweimalige Nominierung zum Deutschen Fernsehpreis). Wobei „vorgetragen“ der Leistung nicht ganz gerecht wird: Meyer ist ausgebildeter Schauspieler mit langjähriger Bühnen-, TV- und Filmerfahrung und genau das lebt er hier aus. Er macht aus der Lesung einen schlichtweg packenden High-Tech Thriller mit den unterschiedlichsten Charakteren, gibt ihnen Einzigartigkeit ohne ins Overacting abzudriften. Meyers Leistung ist beachtlich und präzise wie ein Uhrwerk. Auf den Punkt genau springt er zwischen den einzelnen Stimmungen, Figuren, Situationen hin und her und fackelt hier ein regelrechtes Feuerwerk an Lesekunst ab.

„Das System“ bringt somit zwei Komponenten zusammen, die diese Lesung zu einem Erlebnis werden lassen: Zum einen die brillante und erschreckend „unfiktive“ Fiktion von Karl Olsberg, zum anderen das unglaublich intensive Spiel eines Hans-Werner Meyers, der diese Lesung schlicht und einfach zu einem „Earvent-Movie“ macht. Selten habe ich eine derart packende Produktion erlebt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.