Becky Albertalli: Love, Simon (Nur drei Worte)

Becky Albertalli: Nur drei Worte
Das Hörbuch zum Film „Love, Simon“

Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Gekürzte Lesung mit Julian Greis, Paul Grote und Cedric von Borries
Silberfisch / HörbuchHamburg, 2016

Empfohlen ab 14 Jahren
3 CDs, 236 Minuten Laufzeit

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 (Preis der Jugendjury).

Inhaltsangabe des Verlags:

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

Hörprobe: Via youTube


„Nur drei Worte“ ist das Hörbuch zum gleichnamigen Roman von Becky Albertalli und erschien im Februar 2016 bei HörbuchHamburg. Die Sprecher Julian Greis, Paul Grote und Cedric von Borries übernehmen in der Produktion jeweils unterschiedliche Rollen.

Zur Story:

Die Handlung findet ‘heute’ statt. Der 16-jährige High-School-Schüler Simon Spier lebt mit seiner Familie in einem Vorort von Atlanta, besucht mit seinen Freunden die Creekwood High, ist schwul, hat seine Homosexualität allerdings noch niemandem gestanden. Als aus einem anonymen Kontakt über E-Mails zu einem ebenfalls ungeouteten Schüler seiner Schule für Simon mehr wird, fällt die Korrespondenz in falsche Hände. Es folgt eine Erpressung und eine Tat, die Simons Leben grundlegend verändern wird.

Becky Albertallis Erzählung greift mehrere Themen auf, die vornehmlich, aber nicht ausschließlich für ein jugendliches Publikum interessant sind: Identitätsfindung/Akzeptanz, Coming of Age, Schwulsein, (Cyber-)Mobbing und Freundschaft.
Für Simon selbst ist seine Homosexualität kein Problem, er hadert nicht damit, wertet sich nicht ab, sie ist das, was sie sein sollte: Teil seiner Identität und ganz normaler Teil seines Lebens. Anders verhält es sich mit seiner nachvollziehbar geschilderten Angst vor Veränderungen im familiären Bereich und im Freundeskreis, die ihn den status quo aufrecht erhalten lässt, während seine Konversation mit „Blue“ immer deutlicher zeigt, dass er den Schritt des Coming Outs über kurz oder lang gehen muss.

Problematisch wird es für Simon, als seine heimlichen Mails an „Blue“ in die falschen Hände fallen und durch deren Veröffentlichung nicht nur seine freie Entscheidung zunichte gemacht würde, vor wem und vor allem wann er sich outet, sondern vor allem der Kontakt zu dem sehr scheuen „Blue“ abbräche, sollte dieser davon erfahren, denn auch wenn Simon „Blues“ Identität noch nicht kennt, ist er bereits so sehr Teil seines Lebens geworden, dass er ohne ihn nicht mehr sein kann.

Nachvollziehbar, bewegend, empathisch, authentisch.

Simons innerer Konflikt ist absolut nachvollziehbar. Albertalli, die selbst einen Doktorgrad für Klinische Psychologie hat und jahrelang als auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Psychologin arbeitete, schafft dabei den Spagat, an dem Autoren und Regisseure gern scheitern: Die eigene Homosexualität nicht als Makel oder Katastrophe darzustellen, sondern dass sie Teil eines ganz normalen Lebens ist – wohl aber die immer noch vorherrschende Ablehnung und das -in einigen Kreisen wortwörtliche- Verteufeln selbiger in der Gesellschaft.

‘Getarnt‘ als ‘Romanze‘, bekommen Leser und Hörer durchaus eine ordentliche Portion „Zuckerguss“ – flankiert von deutlich ernsteren und dramatischeren Tönen. Albertalli schafft somit eine stimmige und lebensnahe Abbildung des Erwachsenwerdens: Unterhaltsam, amüsant, traurig, wütend machend, versöhnlich – und manchmal einfach süß. Und all das unglaublich empathisch.

Die Sprache, die sie verwendet, ist die ihrer Akteure und der primären Zielgruppe: Jugendlich.
Das, zusammen mit der zeitgemäßen Art des (anfänglichen) „Online-Verliebens“ und dass sie ihren Charakteren auch Schwächen und Charakterzüge abseits von langweiligem Schwarz-Weiß-Denken zugesteht, hebt „Nur drei Worte“ (oder „Love, Simon“) in eine ganz eigene Liga, macht aus guter Unterhaltung nicht weniger als eine eindringliche Erfahrung.

Der Roman wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 (Preis der Jugendjury) ausgezeichnet. Ein Auszug aus der Jurybegrüdnung:

Problembuch? Nein, aber auch. Liebesgeschichte? Ja, aber nicht nur. Je nach Interesse ist ein Lesen auf verschiedenen Ebenen möglich. Das Buch macht Spaß, vor allem durch die Referenzen zur Jugendkultur, wie die Liebe zu Harry Potter, die Nutzung von Tumblr und die Serien-Fandoms.
Die Autorin schafft es, mit psychologischem Feingefühl und Witz Identitätsfindung zu schildern und Normalität zu hinterfragen.

Zum Hörbuch:

Das Hörbuch ist eine gekürzte Lesung. Die Kürzungen an sich sind vernünftig gesetzt worden. Ein problemloses Folgen der Handlung ist zu jeder Zeit gegeben.

Vorgetragen wird das Hörbuch von Julian Greis, Paul Grote und Cedric Borries. Alle drei übernehmen dabei unterschiedliche Rollen. Greis obliegt zudem der Teil des „Erzählers“, da die Geschichte aus Simons Sicht geschildert wird.

Julian Greis’ Stimme prägt somit das Hörbuch. Und er stellt sich als wahrer Glücksgriff heraus: Greis erweckt Simons Figur spielerisch wunderbar zum Leben, macht gleichsam aus den inneren Monologen oder Beschreibungen Momente, die man nicht ausschalten möchte. Dass Greis zur Zeit der Aufnahme bereits doppelt so alt wie seine Figur war, tut der Authentizität, mit der er Simon und die Jugendlichkeit spielt, keinen Abbruch. Als ausgebildeter Schauspieler mit einem starken Gespür für Sprache und Sprechen trägt er, neben Albertallis Erzählweise, maßgeblich „Schuld“ daran, dass dieses Hörbuch selbst in einer ungekürzten Fassung viel zu kurz wäre.

Das Spiel mit den unterschiedlichen Rollen stärkt die Authentizität auch in diesem Bereich. Wenn Greis etwa als Simon an „Blue“ schreibt und dies -natürlich- liest, die Antwort dann von Paul Grote vorgetragen wird, dann wird hier der Rahmen einer bloßen Lesung verlassen und durchaus cineastischer gearbeitet, was sicherlich auch für jüngere Hörer vorteilhaft sein dürfte.

Fazit:

Das Hörbuch „Nur drei Worte“ zeigt sehr authentisch, dass das Thema Homosexulität/Schwulsein nicht zwingend in „Tod & Tragik“ enden muss. „Love, Simon“ schafft es, authentisch und vor allem em­pa­thisch zu zeigen, dass es zwar immer noch ein weiter Weg bis zu einer Art von Normalität im gesellschaftlichen Umgang mit diesem Thema ist, dass es aber genau nur an dieser Stelle zum Problem gemacht wird und nicht zum Problem der Person an sich. Eine ähnlich erfreuliche Normalität mit „Breitenwirkung“, bzw. großem Publikum kannte ich bislang nur aus Andreas Steinhöfels „Die Mitte der Welt“. Dabei gelingt es Albertalli, ihre Figuren nicht nur ernst zu nehmen, sondern auch trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Fehler und Schwächen, durchweg zugänglich zu schreiben – inklusive einer Figur, die bei den meisten anderen Autoren sicherlich zum furchtbar langweiligen und eindimensionalen „Bösewicht“ verkommen wäre.

Die Stärke des Romans liegt neben Albertallis Gespür für innere Konflikte, Identitätssuche oder das Erwachsenwerden, vor allem in ihrer einfühlsamen Darstellung der Charaktere und deren unterschiedlichsten Stimmungen, kurz: Im Bereich Authentizität. Sprachlich, wie handlungstechnisch ermöglicht die Geschichte ein vollständiges Eintauchen in die fiktive Welt der Creekwood High.

Gesprochen wird das Hörbuch von einem sehr starken Julian Greis, der neben der Rolle des Simon Spier auch als (Ich-)Erzähler zu hören ist und somit den größten Teil des Romans trägt. Die Besetzung anderer Rollen durch Paul Grote und Cedric von Borries durchbricht dann die Grenze einer „normalen Lesung“, was -insbesondere in Simons Konversation mit „Blue“- zu einem nicht zu unterschätzenden Plus an Authentizität führt.

Somit bleibt für mich ein Hörbuch, das allein schon ob der Normalität und Unaufgeregtheit im Umgang mit dem Thema Schwulsein, vor allem aber wegen der unglaublich zugänglichen Charaktere und der empathischen Darstellung ihrer jeweiligen Probleme, Hoffnungen, Träume und Ängste empfehlenswert ist. Superb gespielt, wird der „Abschied“ nach nur drei CDs von Simon, Leah, Bram, Abby, Nick & Co nicht leicht. Selten habe ich eine Produktion gehört, die so galant die Balance zwischen amüsanten und tragischen Momenten, sowie aufbauenden und liebevollen Augenblicken bewahrt. Eine Produktion, die nicht nur, aber besonders für jüngere Hörer so wichtig ist und gleichzeitig unverkrampft und ohne „moralischen Zeigefinger“ überzeugt und die sowohl als dringend benötigte Repräsentation in Unterhaltungsmedien funktioniert, als auch als „Feel-good-Hörbuch“. Definitiv empfehlens- und mehrfach hörenswert.


Weitere Infos und den verlagseigenen Onlineshop findet ihr hier:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/albertalli-nur-drei-worte-3467/


Die Cover:

Das Hörbuch ist im Laufe der Jahre mit zwei erschienen:

Cover © Silberfisch/Hörbuch Hamburg HNV GmbH

Coverabbildungen © Hörbuch Hamburg HHV GmbH und Audible GmbH